Teil 2 Globale Bestandsaufnahme
von 7 Manik am 22.09.2012 um 13:58 Uhr (Bearbeitet: 22.09.2012 14:04)

Afrika

 

Der Furtwängler-Gletscher auf dem Kilimandscharo

Fast ganz Afrika befindet sich in den Tropen und Subtropen, so dass seine Gletscher auf zwei abgelegene Berggipfel und das Ruwenzori-Gebirge beschr√§nkt sind. Insgesamt nehmen die Gletscher in Afrika eine Fl√§che von 10,7¬†km¬≤ ein. Der Kilimandscharo ist mit 5.895¬†m der h√∂chste Berg Afrikas. Seit 1912 ist die Gletscherbedeckung des Kilimandscharo um 75¬†% zur√ľckgegangen und das Volumen des Gletschereises hat gar um 80¬†% abgenommen.[73] Von 1984 bis 1998 hat sich ein Teil der Gletscher um ca. 300¬†m zur√ľckgezogen.[74] Bleibt diese hohe Abschmelzrate erhalten, werden die Gletscher auf dem Kilimandscharo zwischen 2015 und 2020 verschwunden sein.[75] Im M√§rz 2005 stellte ein Bericht fest, dass kaum noch Gletschereis auf dem Berg vorhanden war und dass zum ersten Mal seit 11.000 Jahren Teile des kargen Berggipfels eisfrei geworden waren.[76] Als Ursache f√ľr den R√ľckgang des Gletschers wird vor allem ein betr√§chtlicher R√ľckgang der Niederschlagsmenge am Kilimandscharo seit 1880 genannt.[77][78] Diese Erkl√§rung allein ist jedoch unbefriedigend. Aus historischen Aufzeichnungen wird ersichtlich, dass um 1880 au√üergew√∂hnlich viel Niederschlag fiel, jedoch vor 1860 Mengen vorkamen, wie sie auch im 20. Jahrhundert normal waren.[79] Der Gletscher existiert au√üerdem ohne Unterbrechung seit wenigstens 11.700 Jahren und hat seitdem einige besonders schwere D√ľrren √ľberstanden, wie aus seinen Eisbohrkernen hervorgeht.[80]

 

In der Nähe des Kilimandscharo-Gipfels befindet sich der Furtwängler-Gletscher. Zwischen 1976 und 2000 hat seine Fläche von 113.000 m² auf 60.000 m² abgenommen.[75] Anfang 2006 fanden Wissenschaftler ein großes Loch in der Nähe des Gletschermittelpunkts. Dieses Loch, welches sich durch den noch 6 m dicken Gletscher bis auf den Felsuntergrund erstreckt, wird vermutlich weiter anwachsen und den Gletscher 2007 in zwei Teile teilen.[73]

N√∂rdlich des Kilimandscharo liegt der Mount Kenya. Dieser ist mit 5.199¬†m der zweith√∂chste Berg Afrikas. Auf dem Berg liegen einige kleine Gletscher, die in den letzten 6.000 Jahren sechs Wachstumsphasen durchwandert haben (die beiden letzten in den Jahren 650-850 und 1350-1550).[81] Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Gletscher mindestens 45¬†% ihrer Masse verloren. Nach Untersuchungen des US Geological Survey (USGS) gab es 1900 18 Gletscher auf dem Mount Kenya. 1986 waren davon noch 11 √ľbriggeblieben.[82] Die gesamte von Gletschern bedeckte Fl√§che hat von ca. 1,6¬†km¬≤ im Jahre 1899 auf 0,4¬†km¬≤ (1993) abgenommen.[83]

 

Westlich des Kilimandscharo und des Mount Kenya erhebt sich das Ruwenzori-Gebirge auf bis zu 5.109¬†m. Fotografien belegen einen deutlichen R√ľckgang der mit Eis bedeckten Fl√§chen im letzten Jahrhundert. Um 1900 gab es auf dem Gebirge noch ein Gletschergebiet von 6,5¬†km¬≤. Dieses ist bis 1987 auf etwa 2¬†km¬≤ und 2003 bis auf ca. 0,96¬†km¬≤ zusammengeschmolzen. Zuk√ľnftig k√∂nnten die Gletscher des Ruwenzori-Gebirges aber aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit der Kongo-Region langsamer zur√ľckgehen als die Gletscher des Kilimandscharo und des Mount Kenya.[84] Dennoch wird ein vollst√§ndiges Abschmelzen der Gletscher innerhalb der n√§chsten zwei Dekaden erwartet.[85]

Neuguinea

 

 

Eiskappe auf dem Puncak Jaya 1936

 

 

Gletscher auf dem Puncak Jaya 1972. Von links nach rechts: die Northwall Firn, der Meren-Gletscher und der Carstensz-Gletscher; USGS. Mitte 2005 und Animation

Auch auf der mit 771.900¬†km¬≤ zweitgr√∂√üten Insel der Erde, Neuguinea, die n√∂rdlich von Australien liegt, gibt es fotografische Beweise f√ľr einen massiven Gletscherschwund seit der ersten gro√üen Erkundung der Insel per Flugzeug in den 1930er-Jahren. Aufgrund der Lage der Insel in den Tropen schwanken die Temperaturen im Jahresverlauf kaum. Auch die Regen- und Schneemenge ist stabil, ebenso die Wolkenbedeckung. W√§hrend des 20. Jahrhunderts gab es keine merklichen Ver√§nderungen der Niederschlagsmengen. Dennoch hat sich die mit 7¬†km¬≤ gr√∂√üte Gletscherdecke auf dem Puncak Jaya, dem mit 4.884¬†m h√∂chsten Berg der Insel, verkleinert: Die 1936 geschlossene Eisdecke hat sich auf mehrere kleinere Gletscher aufgeteilt. Von diesen Gletschern zogen sich der Meren- und der Carstenszgletscher zwischen 1973 und 1976¬†um 200¬†m bzw. 50¬†m zur√ľck. Auch die Northwall Firm, ein weiterer gro√üer Rest der Eiskappe auf dem Puncak Jaya, spaltete sich seit 1936 in mehrere Gletscher. Das Ausma√ü der Gletscherschmelze in Neuguinea wurde 2004 durch Bilder des Satelliten IKONOS deutlich. Zwischen 2000 und 2002 verloren die East Northwall Firm demnach 4,5¬†%, die West Northwall Firm 19,4¬†% und der Carstensz-Gletscher 6,8¬†% ihrer Masse. Der Meren-Gletscher verschwand irgendwann zwischen 1994 und 2000 sogar v√∂llig.[86] Auf dem Gipfel des Puncak Trikora, mit 4.750¬†m H√∂he der zweith√∂chste Berg Neuguineas, existierte ebenfalls eine kleine Eisdecke, die allerdings schon zwischen 1939 und 1962 vollst√§ndig verschwand.[87]

 

Polare Regionen

Die Lage der Polargebiete

Trotz ihrer Wichtigkeit f√ľr den Menschen enthalten die Gebirgs- und Talgletscher der mittleren Breite und der Tropen nur einen geringen Anteil des Gletschereises auf der Erde. Etwa 99¬†% allen S√ľ√üwassereises befindet sich in den gro√üen polaren und subpolaren Eisschilden der Antarktis und Gr√∂nlands. Diese kontinentalen Eisschilde, die 3¬†km dick oder dicker sind, bedecken einen Gro√üteil der polaren und subpolaren Landmassen. Wie Fl√ľsse aus einem riesigen See flie√üen zahlreiche Gletscher vom Rand der Eisschilde in den Ozean und transportieren dabei riesige Mengen Eis.

 

In den vergangenen Jahren wurde die Beobachtung und Messung von Eisschilden erheblich verbessert. Noch 1992 glaubte man, dass die j√§hrliche Massenbalance beispielsweise der Antarktis in einer Bandbreite von −600¬†Gt bis zu +500¬†Gt liege. Heute sind die Sch√§tzwerte wesentlich pr√§ziser. Die Eisschilde von Gr√∂nland und der Antarktis verlieren aktuell zusammen etwa 125 Gigatonnen an Masse pro Jahr. Dabei beitr√§gt der Verlust Gr√∂nlands 100¬†Gt und der der Westantarktis 50¬†Gt. Die Ostantarktis nimmt etwa 25¬†Gt an Masse zu.[88] Die verbesserten Beobachtungen k√∂nnen also die gegenw√§rtige Lage recht pr√§zise erfassen. Probleme bereiten der Wissenschaft heutzutage vor allem unverstandene Dynamiken in Eisschilden und Gletschern. Diese machen eine verl√§ssliche Modellierung von Ver√§nderungen in der Zukunft sehr schwierig.[89]

Antarktis

 

 

Der Larsen B-Eisschelf zerbricht. Im Bild dargestellt ist der US-Bundesstaat Rhode Island mit seiner Fläche von 4.005 km² zum Vergleich.

 

In der Antarktis erh√∂hte sich die mittlere Temperatur seit dem 19. Jahrhundert um gesch√§tzte 0,2¬†¬įC.[90] Die erste vollst√§ndige Schwerkraft-Analyse √ľber den gesamten antarktischen Eisschild zeigte, dass im Beobachtungszeitraum zwischen April 2002 und August 2005 der j√§hrliche Verlust an Eismasse durchschnittlich 152¬†(¬Ī¬†80)¬†km3 betrug.[91] Bei den Niederschl√§gen l√§sst sich zwar eine erhebliche Variabilit√§t, jedoch kein eindeutiger Trend feststellen. Wird der gesamte Kontinent betrachtet, besteht wenigstens seit den 1950er-Jahren keine dauerhafte und signifikante Ver√§nderung des Schneefalls. Zwischen 1985 und 1994 war besonders im Innern der Antarktis die Niederschlagsmenge gestiegen, w√§hrend sie in den K√ľstengebieten teilweise abgenommen hatte. Dieser Trend kehrte sich dann praktisch exakt um, so dass zwischen 1995 und 2004 bis auf drei exponierte Regionen fast √ľberall weniger Schnee fiel, stellenweise bis zu 25¬†%.[92]

 

Besonders drastisch wurde der Eisverlust der Antarktis deutlich bei der Aufl√∂sung gro√üer Teile des Larsen-Schelfeises. Genau betrachtet besteht das Larsen-Schelfeis aus drei einzelnen Schelfen, die verschiedene Bereiche an der K√ľste bedecken. Diese werden (von Nord nach S√ľd) Larsen A, Larsen B und Larsen C genannt. Larsen A ist der kleinste und Larsen C der gr√∂√üte der Schelfe. Larsen A l√∂ste sich bereits im Januar 1995 auf, Larsen C ist derzeit anscheinend stabil. Die Aufl√∂sung des Larsen-B-Schelfs wurde zwischen dem 31. Januar und dem 7. M√§rz 2002 festgestellt, an dem er mit einer Eisplatte von 3.250 Quadratkilometer Fl√§che endg√ľltig abbrach. Bis zu diesem Zeitpunkt war Larsen B w√§hrend des gesamten Holoz√§ns f√ľr √ľber 10.000 Jahre stabil. Demgegen√ľber bestand der Larsen-A-Schelf erst seit 4.000 Jahren.[93]

 

Der Pine-Island-Gletscher im Westen der Antarktis, der in die Amundsen-See flie√üt, verd√ľnnte sich von 1992 bis 1996¬†um 3,5¬†¬Ī¬†0,9¬†m pro Jahr und hat sich im gleichen Zeitraum um etwa 5¬†km zur√ľckgezogen.[94] Der Volumenverlust des Gletschers hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht: Von -2,6 ¬Ī 0,3¬†km¬≥ pro Jahr (1995) auf -10,1 ¬Ī 0,3¬†km¬≥ pro Jahr im Jahre 2006.[95] Auch der benachbarte Thwaites Gletscher verliert an Masse und L√§nge.[96] Und auch am Dakshin Gangotri-Gletscher l√§sst sich ein R√ľckgang beobachten: Zwischen 1983 und 2002 zog er sich pro Jahr durchschnittlich um 0,7¬†m zur√ľck. Auf der Antarktischen Halbinsel, dem einzigen Teil der Antarktis, der √ľber den s√ľdlichen Polarkreis hinausragt, befinden sich hunderte zur√ľckgehende Gletscher. Eine Studie untersuchte 244 Gletscher der Halbinsel. 212 oder 87¬†% der Gletscher gingen zur√ľck und zwar im Durchschnitt um insgesamt 600¬†m von 1953 bis 2003. Am st√§rksten zog sich der Sjogren Gletscher mit etwa 13¬†km seit 1953 zur√ľck. 32 der untersuchten Gletscher wuchsen. Das durchschnittliche Wachstum betrug 300¬†m pro Gletscher und ist damit deutlich geringer als der massive beobachtete R√ľckgang.[97]

 

Island

Auf Island liegt die 8.100¬†km¬≤ gro√üe Vatnaj√∂kull-Eiskappe. Der Brei√įamerkurj√∂kull-Gletscher, einer der Gletscher der Vatnaj√∂kull-Eiskappe, hat sich zwischen 1973 und 2004¬†um 2¬†km verk√ľrzt. Anfang des 20. Jahrhunderts erstreckte sich der Gletscher bis 250¬†m in den Ozean hinein. Bis 2004 hat sich das Ende des Gletschers drei Kilometer landeinw√§rts zur√ľckgezogen. Dadurch hat sich eine schnell wachsende Lagune gebildet, in der sich Eisberge befinden, die vom Gletscher abbrechen („kalben“). Die Lagune ist etwa 110¬†m tief und hat ihre Gr√∂√üe zwischen 1994 und 2004 nahezu verdoppelt. Seit 2000 gehen von den 40 Gletschern der Vatnaj√∂kull-Eiskappe alle bis auf einen zur√ľck.[98] In Island gingen von 34 untersuchten Gletschern zwischen 1995 und 2000 mit 28 der Gro√üteil zur√ľck, vier waren stabil und zwei wuchsen.[99]

 

Kanadisch-arktischer Archipel

Auf den Kanadisch-arktischen Archipeln gibt es etliche beachtliche Eiskappen. Dazu z√§hlen die Penny- und Barneseiskappen auf der Baffininsel (mit 507.451¬†km¬≤ die f√ľnftgr√∂√üte Insel der Welt), die Byloteiskappe auf der Bylot-Insel (11.067¬†km¬≤) und die Devoneiskappe auf der Devon-Insel (55.247¬†km¬≤). Diese Eiskappen verd√ľnnen sich und ziehen sich langsam zur√ľck. Die Penny- und Barneseiskappen haben sich zwischen 1995 und 2000 j√§hrlich in geringeren H√∂hen (unter 1.600¬†m) um √ľber 1¬†m verd√ľnnt. Insgesamt haben die Eiskappen der kanadischen Arktis zwischen 1995 und 2000 j√§hrlich 25¬†km¬≥ Eis verloren.[100] Zwischen 1960 und 1999 hat die Devoneiskappe haupts√§chlich durch Verd√ľnnung 67 ¬Ī 12¬†km¬≥ Eis verloren. Die Hauptgletscher, die vom Rand der √∂stlichen Devoneiskappe ausgehen, haben sich seit 1960¬†um 1–3¬†km zur√ľckgezogen.[101] Die Simmoneiskappe auf dem Hazen-Hochland auf der Ellesmere-Insel hat seit 1959 47¬†% ihrer Fl√§che eingeb√ľ√üt.[102] Bleiben die gegenw√§rtigen Bedingungen bestehen, so wird das verbleibende Gletschereis auf dem Hazen-Hochland um 2050 verschwunden sein.

 

Spitzbergen

N√∂rdlich Norwegens befindet sich die Insel Spitzbergen des Svalbard-Archipels zwischen dem Nordatlantik und dem Arktischen Ozean, die von vielen Gletschern bedeckt ist. Der Hansbreen-Gletscher auf Spitzbergen z.¬†B. zog sich zwischen 1936 und 1982¬†um 1,4¬†km zur√ľck. Weitere 400¬†m L√§nge verlor er zwischen 1982 und 1998.[103] Auch der Blomstrandbreen hat sich verk√ľrzt: In den vergangenen 80 Jahren hat die L√§nge des Gletschers um etwa 2¬†km abgenommen. Seit 1960 zog er sich durchschnittlich mit 35¬†m pro Jahr zur√ľck, wobei sich die Geschwindigkeit seit 1995 erh√∂ht hat.[104] Der Midre Lovenbreen-Gletscher hat zwischen 1997 und 1995 200¬†m L√§nge verloren.[105]

Grönland

 

 

Satellitenaufnahme des Jakobshavn Isbr√¶. Die farbigen Linien markieren den fortschreitenden R√ľckzug der Kalbungsfront des westgr√∂nl√§ndischen Gletschers seit 1850 bis 2003.

 

Die Temperaturen im S√ľden der gr√∂√üten Insel der Welt sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts besonders stark gestiegen, n√§mlich um 2,5¬†¬įC. In der Folge kam es zu rapiden Ver√§nderungen in der Dynamik der gr√∂nl√§ndischen Gletscher. Im Vergleich von Messungen aus dem Zeitraum von 2002 bis 2004 hat sich die Gletscherschmelze zwischen 2004 und 2006 verdoppelt, also in nur zwei Jahren. Der Massenverlust in Gr√∂nland betr√§gt nach verschiedenen Messungen zwischen 239¬†¬Ī¬†23¬†km3 und 440¬†km3 pro Jahr.[106][107] Besonders deutlich wurde dieser Verlust im Jahr 2005, als an der Ostk√ľste Gr√∂nlands eine neue Insel namens Uunartoq Qeqertoq (auf Englisch Warming Island) entdeckt wurde. Nachdem eine gro√üe Menge Festlandeis geschmolzen war stellte sich heraus, dass es sich bei Uunartoq Qeqertoq nicht um eine mit dem Festland verbundene Halbinsel handle, wie zuvor angenommen worden war.

 

 

An einzelnen Gletschern Gr√∂nlands zeigt sich eine √ľberraschende Dynamik. Zwei der gr√∂√üten Gletscher der Insel, der Kangerlussuaq und der Helheim, die zusammen 35¬†% zum Massenverlust Ostgr√∂nlands in den vergangenen Jahren beigetragen haben, wurden von einem Team um den Glaziologen Ian Howat detaillierter untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Schmelzrate der beiden Gletscher zwischen 2004 und 2005 verdoppelt hatte. Bis 2006 war der Massenverlust dann wieder auf den Wert von 2004 zur√ľckgegangen.[108] Ein solches Verhalten war von Gletschern bislang unbekannt, und es verdeutlicht die Ungewissheit, mit welcher Geschwindigkeit der gr√∂nl√§ndische Eisschild in den n√§chsten Jahrzehnten weiter abtauen wird.

 

Folgen

Unter den Folgen der weltweiten Gletscherschmelze werden hier diejenigen beiden Kernprobleme n√§her beschrieben, die am empfindlichsten in das nat√ľrliche √Ėkosystem eingreifen und die f√ľr die Lebensbedingungen eines noch kaum absch√§tzbaren Anteils der Weltbev√∂lkerung k√ľnftig ma√ügeblich beeinflussen d√ľrften: der Anstieg des Meeresspiegels und Wassermangel. Auswirkungen anderer Art, etwa solche auf den Gletschertourismus, sind demgegen√ľber von nachgeordneter Bedeutung. Weiterf√ľhrende Informationen finden sich in den Artikeln

Folgen der globalen Erwärmung in Deutschland, Folgen der globalen Erwärmung in Europa, Folgen der globalen Erwärmung in der Arktis und Folgen der globalen Erwärmung in der Antarktis.

 

 

Anstieg des Meeresspiegels

Hauptartikel: Meeresspiegelanstieg

Zwischen 1993 und 2003 stieg der Meeresspiegel um 3,1¬†mm pro Jahr, bei einer Fehlergrenze von ¬Ī 0,7¬†mm.[109] Der zwischenstaatliche Ausschuss f√ľr Klima√§nderungen IPCC sch√§tzt in seinem 2007 ver√∂ffentlichten Vierten Sachstandsbericht, dass der gr√∂nl√§ndische Eisschild mit 0,21 (¬Ī 0,07)¬†mm und die Antarktis mit 0,21 (¬Ī 0,35)¬†mm zum bislang beobachtbaren Meeresspiegelanstieg beigetragen haben. Schmelzende Gletscher haben mit 0,77 (¬Ī¬†0,22)¬†mm hierbei einen wesentlichen Anteil. Nach verschiedenen Szenarien des IPCC sind bis 2100 Erh√∂hungen des Meeresspiegels zwischen 0,19¬†m und 0,58¬†m m√∂glich, ein Wert der ausdr√ľcklich ohne den m√∂glicherweise ansteigenden Beitrag von den schwer zu modellierenden Eisschilden Gr√∂nlands und der Antarktis ausgeht.[8]

 

 

Zwischen 1993 bis 2010 stieg der Meeresspiegel um 3,2 mm pro Jahr. Dies sind 50 % mehr, als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts gemessen wurde.

Ein im Laufe des 21. Jahrhunderts als unwahrscheinlich erachtetes vollst√§ndiges Abschmelzen des gr√∂nl√§ndischen Eisschildes w√ľrde den Meeresspiegel um etwa 7,3¬†m anheben.[110] Die 25,4 Millionen¬†km¬≥ Eis der gesamten Antarktis k√∂nnte im Falle eines Abschmelzens zu einer Erh√∂hung um ca. 57¬†m f√ľhren;[111] Klimamodellen zufolge wird die Eismasse der Antarktis jedoch im Laufe 21. Jahrhunderts eher zunehmen denn abnehmen und somit den Anstieg des Meeresspiegels mindern.[112][8] Die weltweit knapp 160.000 Gletscher beinhalten mit einem Volumen von 80.000¬†km¬≥ etwa so viel Wasser wie die 70 Eiskappen (100.000¬†km¬≥) und k√∂nnten so den Meeresspiegel um 24¬†cm (Eiskappen: 27¬†cm) steigen lassen.[113]

 

Auch ohne das Verschwinden der Eisschilde sind die Folgen f√ľr die betroffenen Menschen dramatisch. Zu den L√§ndern, die durch einen Anstieg des Meeresspiegels am st√§rksten gef√§hrdet sind, geh√∂ren Bangladesch, √Ągypten, Pakistan, Indonesien und Thailand, die derzeit alle eine gro√üe und relativ arme Bev√∂lkerung aufweisen.[114] So leben z.¬†B. in √Ągypten rund 16¬†% der Bev√∂lkerung (ca. 12 Millionen Menschen) in einem Gebiet, das schon bei einem Anstieg des Meeresspiegels von 50¬†cm √ľberflutet werden k√∂nnte, und in Bangladesch wohnen √ľber zehn Millionen Menschen nicht h√∂her als 1¬†m √ľber dem Meeresspiegel.[115] Bei einem Meeresspiegelanstieg um 1¬†m m√ľssten nicht nur sie, sondern insgesamt 70 Millionen Menschen in Bangladesch umgesiedelt werden, falls bis Ende des Jahrhunderts nicht in K√ľstenschutz investiert wurde. Au√üerdem w√ľrde sich durch den Landverlust und die Erh√∂hung des Salzgehaltes im Boden die Reisernte halbieren mit schweren Folgen f√ľr die Nahrungssicherheit.[116]

 

Ohne Gegenma√ünahmen w√ľrden bei einem Anstieg des Meeresspiegels um 1¬†m weltweit 150.000¬†km¬≤ Landfl√§che dauerhaft √ľberschwemmt werden, davon 62.000¬†km¬≤ k√ľstennaher Feuchtgebiete. 180 Millionen Menschen w√§ren betroffen, und 1,1 Billionen Dollar Sch√§den an zerst√∂rtem Besitz w√§ren nach heutigen Zahlen zu erwarten.[117] Unterhalb eines Anstiegs von 35¬†cm lie√üe sich dieser mit entsprechenden K√ľstenschutzma√ünahmen ebenso handhaben wie der bereits verzeichnete Anstieg um 30¬†cm seit 1860, vorausgesetzt die betroffenen L√§nder investieren in ben√∂tigtem Umfang in ihre Infrastruktur. Effektiver K√ľstenschutz kostet Berechnungen zufolge in mehr als 180 der weltweit 192 betroffenen L√§nder bis zum Jahr 2085 weniger als 0,1¬†% des BIP, kr√§ftiges Wirtschafts- und moderates Bev√∂lkerungswachstum in den zugrundeliegenden Szenarien vorausgesetzt.[118]

 

Abfluss des Schmelzwassers

In einigen Regionen ist im Jahresverlauf das Schmelzwasser der Gletscher zeitweilig die Haupt-Trinkwasserquelle, weshalb ein lokales Verschwinden von Gletschern schwere Folgen f√ľr die Bev√∂lkerung, Landwirtschaft und wasserintensive Industrien haben kann.[119] Hiervon werden besonders asiatische St√§dte im Einzugsbereich des Himalaya[120] und s√ľdamerikanische Siedlungen betroffen sein.

Durch die Gletscherschmelze nimmt die von den Fl√ľssen gef√ľhrte Wassermenge kurzfristig zu. Die zus√§tzlich freiwerdende Wassermenge aus den Himalaya-Gletschern hat beispielsweise zu einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivit√§t in Nordindien gef√ľhrt.[121] L√§ngerfristig - es wird erwartet, dass die Gletscher der Nordhemisph√§re bis 2050 durchschnittlich 60¬†% an Volumen verlieren werden[122][8] - wird der R√ľckgang der verf√ľgbaren Wassermenge wahrscheinlich schwerwiegende Folgen (z.B. f√ľr die Landwirtschaft) haben.[123] Als weitere Folge kann es zur zunehmenden Hochwassergefahr an den Ufern der Fl√ľsse kommen. So sammeln sich am Himalaya auf den Gletschern die Schneemassen verst√§rkt im Sommer w√§hrend des Monsun an. Ziehen sich die Gletscher zur√ľck, wird der Niederschlag in immer h√∂heren Lagen des Himalaya kurzfristig als Regenwasser oder zur Schneeschmelze abflie√üen, statt wie bisher f√ľr l√§ngere Zeit als Eis vor Ort zu verbleiben.

 

 

Die ecuadorianische Hauptstadt Quito beispielsweise erh√§lt einen Teil ihres Trinkwassers aus einem rasch schrumpfenden Gletscher auf dem Vulkan Antizana. La Paz in Bolivien ist genauso wie viele kleinere Siedlungen abh√§ngig vom Gletscherwasser. Gro√üe Teile der landwirtschaftlichen Wasserversorgung in der Trockenzeit werden durch Schmelzwasser sichergestellt.[124] Eine weitere Folge ist das Fehlen von Wasser in den Fl√ľssen welche die zahlreichen Wasserkraftwerke des Kontinents antreiben. Die Geschwindigkeit der Ver√§nderungen veranlasste die Weltbank bereits dazu, Anpassungsma√ünahmen f√ľr S√ľdamerika ins Auge zu fassen.[125]

In Asien ist Wasserknappheit kein unbekanntes Ph√§nomen. Ebenso wie weltweit, wird auch auf dem asiatischen Kontinent ein erheblicher Anstieg des Wasserverbrauchs erwartet. Dieser ansteigende Bedarf trifft in Zukunft auf immer weniger verf√ľgbares Wasser aus den Gletschern des Himalaya. In Indien h√§ngt die Landwirtschaft des gesamten Nordteils vom Schicksal der Gebirgsgletscher ab. Ebenfalls sind Indiens und Nepals Wasserkraftwerke bedroht, chinesische Feuchtgebiete k√∂nnten verschwinden und der Grundwasserpegel wird sinken.[126]

 

Ausbr√ľche von Gletscherseen

Beim Abschmelzen der Gletscher brechen in Gebieten mit hoher Reliefenergie wie dem Himalaya oder den Alpen unabl√§ssig Felsen und Ger√∂ll ab. Dieses Ger√∂ll sammelt sich am Ende des Gletschers als Mor√§ne und bildet einen nat√ľrlichen Wall. Der Wall verhindert das Abflie√üen des Schmelzwassers, so dass hinter ihm ein fortlaufend gr√∂√üer und tiefer werdender Gletschersee entsteht. Wird der Wasserdruck zu gro√ü, kann der Wall pl√∂tzlich brechen, wobei gro√üe Mengen Wasser freigesetzt werden und katastrophale √úberschwemmungen verursacht werden k√∂nnen (Gletscherlauf). Das Ph√§nomen der Gletscherseeausbr√ľche ist zwar nicht neu, durch die Gletscherschmelze erh√∂ht sich jedoch die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens in vielen Gebirgsregionen.[127] In Nepal, Bhutan und Tibet hat sich die Anzahl von Gletscherseeausbr√ľchen bereits von 0,38 pro Jahr in den 1950ern auf 0,54/Jahr in den 1990ern erh√∂ht.[128]

 

In Nepal befinden sich gem√§√ü topografischen Karten, Luftbildern und Satellitenaufnahmen 2323 Gletscherseen. In Bhutan wurden im Jahre 2002 insgesamt 2674 gez√§hlt. Davon wurden 24 (in Nepal 20) f√ľr Menschen als potenziell gef√§hrlich eingestuft, darunter der Raphstreng Tsho. 1986 war er Messungen zufolge 1,6¬†km lang, 0,96¬†km breit und 80¬†m tief. Bis 1995 wuchs der Gletschersee auf eine L√§nge von 1,94¬†km, eine Breite von 1,13¬†km und eine Tiefe von 107¬†m an. Ein in der N√§he liegender Gletschersee ist der Luggye Tsho; bei dessen Durchbruch 1994 verloren 23 Menschen ihr Leben.[129] In Nepal brach am 4. August 1985 der Dig Thso durch und verursachte eine bis zu 15¬†m hohe Flutwelle, die f√ľnf Menschenleben forderte, 14 Br√ľcken, ein kleines Wasserkraftwerk und viele Wohnh√§user zerst√∂rte.[130] Zwischen 1985 und 1995 haben in Nepal weitere 15 gr√∂√üere Gletscherseen ihre W√§lle durchbrochen.

 

Gegenmaßnahmen

Umfang und Bedeutung des verst√§rkten Gletscherr√ľckgangs in Verbindung mit den zu beobachtenden und noch zu erwartenden teilweise drastischen Folgen verdeutlichen die Notwendigkeit, ihm mit Ma√ünahmen der Ressourcenkonservierung, steigender Wassereffizienz und besonders mit effektivem Klimaschutz entgegenzuwirken. M√∂glichkeiten zur besseren Ausnutzung des vorhandenen Wassers finden sich etwa in Methoden nachhaltiger Landwirtschaft,[131] w√§hrend Klimaschutz auf die Einsparung von Treibhausgasen setzen muss, wie sie im Kyoto-Protokoll erstmals v√∂lkerrechtlich verbindlich festgelegt worden sind.

Auf √∂rtlicher Ebene werden in der Schweiz neuerdings M√∂glichkeiten erprobt, dem Gletscher-Skitourismus eine Perspektive zu erhalten, indem man Gletscherareale zwischen Mai und September mit einem Spezialvlies gegen Sonneneinstrahlung und W√§rmezufuhr gro√üfl√§chig abdeckt. Auf die begrenzten Zwecke bezogen, sind erste Versuche am Gurschengletscher erfolgreich verlaufen. F√ľr das Ph√§nomen der globalen Gletscherschmelze ist ein solcher Ansatz aber auch aus der Sicht des in die Aktivit√§ten am Gurschengletscher einbezogenen Glaziologen Andreas Bauder ohne Bedeutung.[132]

 

Dieser Artikel wurde am 26. Juli 2007 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen

Diese Seite wurde zuletzt am 12. September 2012 um 06:14 Uhr geändert.

 


Antworten zu diesem Beitrag

  Mühsal oder Kampf? Mühsal oder Kampf?  Corrado 5 Cauac (24.09.2011 09:38)